29.09.2026
Europas Klosterforschung zu Gast in Kloster Eberbach
Sebastian Macho, Ingo Schon, Doris Moos, Julius Wagner, Gaby Lindenmann-Merz, Mirko Breitenstein, Christoph Degen und Markus Harzenetter (v.li.)
Internationale Fachtagung bringt aktuelle Forschung zu mittelalterlichen Infirmarien und Hospitälern an einem außergewöhnlichen Originalschauplatz zusammen – und klärt eine lange diskutierte Frage zur Baugeschichte des Klosters.
Das Podium der Fachtagung war prominent besetzt.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Europa sind vom 24. bis 26. September in Kloster Eberbach zusammengekommen, um neueste Erkenntnisse zu klösterlichen Infirmarien und Hospitälern des Mittelalters auszutauschen. Unter dem Titel „Gleich und doch verschieden – Klösterliche Infirmarien und Hospitäler als Räume christlicher Nächstenliebe im Mittelalter“ richteten die Forschungsstelle für Vergleichende Ordensgeschichte (FOVOG) der TU Dresden, die Stiftung Kloster Eberbach und der Freundeskreis Kloster Eberbach e. V. gemeinsam die internationale Fachtagung aus.
Im Mittelpunkt standen Infirmarien und Hospitäler unterschiedlicher Orden und geistlicher Gemeinschaften vom 12. bis zum 16. Jahrhundert. Beiträge und Diskussionen eröffneten dabei bewusst eine europäische und vergleichende Perspektive: Wie waren Krankenfürsorge und Gastfreundschaft organisiert? Welche unterschiedlichen Funktionen erfüllten Infirmarien und Hospitäler? Und was erzählen ihre baulichen Überreste heute noch über das alltägliche Leben mittelalterlicher Gemeinschaften?
„Infirmarien und Hospitäler führen uns unmittelbar zu einer zentralen Frage mittelalterlicher Gemeinschaften: Wie wurde christliche Fürsorge im Alltag tatsächlich gelebt und organisiert? Der europäische Vergleich zeigt dabei, dass es trotz gemeinsamer religiöser Grundlagen eine erstaunliche Vielfalt an baulichen, institutionellen und funktionalen Lösungen gab“, sagt Prof. Dr. Mirko Breitenstein, Direktor der Forschungsstelle für Vergleichende Ordensgeschichte der TU Dresden. „Gerade der Austausch unterschiedlicher Disziplinen und der unmittelbare Vergleich von schriftlicher und baulicher Überlieferung eröffnen hier neue Perspektiven. Kloster Eberbach ist dafür ein außergewöhnlicher Forschungsort – und die gemeinsame Beschäftigung mit seinem Baubestand hat zugleich zu einem sehr konkreten Ergebnis geführt: Der lange diskutierte Bau lässt sich überzeugend als Infirmarie des Klosters identifizieren.“
Eröffnet wurde die Tagung im Fürstensaal von Kloster Eberbach gemeinsam mit Christoph Degen, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, Prof. Dr. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, und Ingo Schon, Mitglied des Hessischen Landtags. Bereits zum Auftakt wurde damit der enge Zusammenhang von wissenschaftlicher Forschung, Denkmalpflege, politischer Verantwortung und der Vermittlung des kulturellen Erbes deutlich.
„Dr. Gaby Lindenmann-Merz hat seit vielen Jahren mit großer Beharrlichkeit und besonderem Engagement den Baubestand vor Ort untersucht und damit einen entscheidenden Beitrag zum Nachweis der Infirmarie und der Hospitalsituation in Kloster Eberbach geleistet.“ erklärt Doris Moos, Vorsitzende des Freundeskreises Kloster Eberbach e. V. „Als Freundeskreis freuen wir uns besonders, wenn Forschungen aus ganz Europa nun dazu beitragen, unser Wissen über das Klosters weiter zu vertiefen und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“
Neben den Fachvorträgen spielte deshalb die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Denkmal eine zentrale Rolle. Die Eberbacher Infirmarie wurde nicht lediglich als Kulisse der Tagung verstanden, sondern selbst als historische Quelle: als ein bis heute erfahrbarer Raum, der Erkenntnisse über Krankenfürsorge, klösterlichen Alltag und die Architektur mittelalterlicher Gemeinschaften ermöglicht.
Für Kloster Eberbach brachte die Tagung dabei eine besonders wichtige Erkenntnis
Gaby Lindemann-Merz und Mirko Breitenstein
Über lange Zeit war in der Forschung umstritten, ob der heute als „Hospitalkeller“ bezeichnete frühgotische Bau tatsächlich die mittelalterliche Infirmarie des Klosters gewesen ist. Die auf der Tagung versammelten Expertinnen und Experten kamen nach der gemeinsamen Betrachtung und Diskussion der Befunde zu einem eindeutigen Ergebnis: „Der Hospitalkeller ist die ehemalige Infirmarie von Kloster Eberbach“, so Dr. Gaby Lindenmann-Merz, eine der führenden Expertinnen für die Baugeschichte zisterziensischer Klöster. Für die Stiftung Kloster Eberbach ist die lange diskutierte Frage damit wissenschaftlich geklärt.
Gerade dadurch erhielt der Tagungsort eine besondere Bedeutung. Die Eberbacher Infirmarie aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zählt im europäischen Vergleich zu den herausragenden erhaltenen Beispielen dieses Architekturtypus. Forschung konnte damit unmittelbar am historischen Ort diskutiert werden – im Zusammenspiel von schriftlicher Überlieferung, bauhistorischem Befund und neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.
„Kloster Eberbach ist europaweit eines der am besten erhaltenen Zisterzienserklöster, an dem fast 900 Jahre Geschichte noch immer unmittelbar ablesbar sind. Dass eine internationale Fachtagung bei uns nun zugleich eine seit Langem diskutierte Frage unserer eigenen Baugeschichte klären konnte, ist für uns von besonderer Bedeutung“, sagt Julius Wagner, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Kloster Eberbach. „Wir können künftig mit wissenschaftlicher Gewissheit sagen: Der sogenannte Hospitalkeller war die Infirmarie des Klosters. Genau darin zeigt sich, warum wir dieses Denkmal nicht nur bewahren, sondern immer wieder neu erforschen müssen. Forschung, Denkmalpflege und die Vermittlung dieses Ortes gehören für uns unmittelbar zusammen.“
Die internationale Tagung war zugleich Ausdruck einer engen Zusammenarbeit zwischen der Forschungsstelle für Vergleichende Ordensgeschichte der TU Dresden, der Stiftung Kloster Eberbach und dem Freundeskreis Kloster Eberbach e. V. Sie verband aktuelle europäische Forschung mit einem bedeutenden erhaltenen Zeugnis mittelalterlicher Klosterkultur – dort, wo Geschichte nicht nur Gegenstand der Forschung ist, sondern bis heute räumlich erfahrbar bleibt.
Das ist Kloster Eberbach
Kloster Eberbach, gegründet 1136 von Zisterziensermönchen unter Bernhard von Clairvaux, besteht bis heute als vollständig erhaltenes Gesamtensemble herausragender Bauten aus Romanik, Gotik und Barock und zählt zu den bedeutendsten und vollständig erhaltenen Klosteranlagen Europas. Der Weinbau war von Beginn an wirtschaftliche Grundlage des Klosters und machte seine Entwicklung und Bedeutung über Jahrhunderte hinweg möglich. Aus dieser historischen Verbindung heraus bilden das Kulturdenkmal Kloster Eberbach und die Hessischen Staatsweingüter GmbH Kloster Eberbach eine untrennbare Einheit. Seit 1998 bewahrt und entwickelt die Stiftung Kloster Eberbach eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler Europas. Mit einem vielfältigen Programm aus Kultur, Veranstaltungen und Weinkultur verbindet sie Geschichte und Gegenwart auf einzigartige Weise. Die Stiftung finanziert sich eigenständig unter anderem über Eintrittsgelder, Führungen, Veranstaltungen, Spenden sowie Miet- und Pachteinnahmen und fördert darüber hinaus kulturelle Projekte im Sinne ihres Stiftungsauftrags: Werte erhalten, Zukunft gestalten, Dialog fördern.
Die Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach zählen zu den traditionsreichsten und größten Weingütern Deutschlands. Mit ihren Weinen führen sie das jahrhundertealte Erbe der Zisterzienser fort und verbinden klösterliche Tradition mit zeitgemäßer Weinkultur.