19.08.2026
Die Blutwäsche gegen Cholesterin entfernt auch Ewigkeitschemikalien und Kunststoffe
Die Grafik zeigt schematisch, wie therapeutische Apherese PFAS und Mikroplastikpartikel aus dem Blut entfernen kann. PFAS und MNPs binden zunächst an Lipoproteine und bilden größere „Corona“-Komplexe, die im Blut zirkulieren. Beim Durchfluss durch den Apherese‑Filter werden diese Komplexe durch verschiedene physikalische und chemische Mechanismen zurückgehalten. Dadurch sinkt die Belastung des Blutes mit PFAS und Mikroplastik, was potenziell entzündliche und metabolische Belastungen reduziert.
Die Maschine ist nicht neu. Eine Variante davon wird seit rund vier Jahrzehnten in klinischen Behandlungsräumen eingesetzt. Sie entnimmt Blut aus dem einen Arm, trennt das Plasma ab, leitet es über einen Filter oder Adsorber und führt es dem anderen Arm wieder zu. Entwickelt wurde sie für einen klar umrissenen Zweck – für Patient:innen, deren Cholesterinwerte sich durch kein Medikament senken lassen. Das Zentrum an der Technischen Universität Dresden führt bis zu 10.000 solcher Behandlungen pro Jahr durch, das ist das größte Programm dieser Art weltweit. Neu ist die Frage, die das Dresdner Team an den Inhalt des Abfallbeutels gerichtet hat: Wenn der Filter Lipoproteine entfernt, und Schadstoffe, die sich in nahezu jedem menschlichen Körper finden, an diese gebunden sind, was wird dann noch mit entfernt? Die am 4. August 2026 in der medizinischen Fachzeitschrift Brain Health veröffentlichte Studie untersucht diese Frage.
Die Hypothese vom blinden Passagier
Man sollte sich das Ausmaß der Belastung vergegenwärtigen. Mehr als 4.700 per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, die zusammenfassend als PFAS bezeichnet werden, sind kommerziell im Einsatz oder bereits in die Umwelt gelangt. Biomonitoring hat ergeben, dass sie im Blut von über 99 Prozent der Bevölkerung der Vereinigten Staaten nachweisbar sind. Rund 200 Millionen Amerikaner:innen waren über das Trinkwasser exponiert. Ihre biologischen Halbwertszeiten liegen zwischen 4,8 und 8,5 Jahren. Das bedeutet: Eine Verbindung, die im Alter von dreißig Jahren aufgenommen wurde, kann mit vierzig noch immer nachweisbar sein.
Und die Belastung verteilt sich anders als von vielen angenommen. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2018, in der fünf humane Biomonitoring-Studien zusammengeführt wurden, ergab, dass ein höheres Einkommen mit einer höheren inneren PFAS-Belastung einhergeht, nicht mit einer niedrigeren. Eine Verdoppelung des Einkommens ging mit etwa 10 bis 14 Prozent höheren Serumwerten von PFOS, PFOA, PFNA und PFHxS einher. Die Autoren bezeichneten dies als das Gegenteil der Umweltgerechtigkeitshypothese und wiesen auf die Ernährung – in Europa insbesondere auf Fisch und Meeresfrüchte – sowie auf PFAS-behandelte Textilien hin. Sie stellten außerdem fest, dass die genaue Ursache unbekannt bleibt (Buekers J, Colles A, Cornelis C, Morrens B, Govarts E, Schoeters G. Socio-Economic Status and Health: Evaluation of Human Biomonitored Chemical Exposure to Per- and Polyfluorinated Substances across Status. Int J Environ Res Public Health. 2018;15(12):2818. DOI: https://doi.org/10.3390/ijerph15122818).
Kunststoff kommt durch eine andere Tür und bleibt ebenso hartnäckig. Schätzungen zufolge nimmt ein Mensch pro Jahr 39.000 bis 52.000 Kunststoffpartikel auf, 74.000 bis 121.000, sobald die Atemluft mitgerechnet wird. Mikro- und Nanoplastik wurde in menschlichem Blut, in der Plazenta, im Lungengewebe und im Gehirn nachgewiesen.
Nun der Gedanke, der zwei Probleme zu einem verschmelzen könnte: PFAS lagern sich an Mikroplastikoberflächen an, auf gealterten Umweltkunststoffen sogar mit bis zu 250-fach höheren Raten. Biophysikalische Arbeiten deuten zudem darauf hin, dass sich PFAS an die Oberflächen von LDL und VLDL anlagern. Auf dieser Grundlage formuliert die Arbeit eine Hypothese, jedoch keinen Nachweis: Beide Schadstoffklassen könnten einen Mantel aus Plasmalipiden und Proteinen erwerben, eine sogenannte Corona. Dies könnte die entstehenden Partikel größer, stabiler und langlebiger im Kreislauf machen. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass ein Beleg dafür eigens ausgelegte mechanistische Verfahren erfordern wird. Aus der Hypothese ergibt sich jedoch eine überprüfbare Vorhersage: Wenn die Schadstoffe auf Lipoproteinen mitfahren, müsste eine Maschine, die Lipoproteine in großem Maßstab entfernt, einen Teil von ihnen mitnehmen.
Was das Blut verlassen hat
Der etablierte Teil der Ergebnisse bestätigte die bisherigen Erwartungen. Bei 34 Personen, die unmittelbar vor und nach zwei Sitzungen der Doppelfiltrations-Plasmapherese untersucht wurden, sanken C-reaktives Protein und Fibrinogen signifikant (p ≤ 0,0001). LDL-Cholesterin und Lipoprotein(a) sanken nach jeder Sitzung, wobei die zweite Sitzung keine zusätzliche signifikante Senkung brachte. Das ist nichts Neues – es ist das Tagesgeschäft der Station.
Der neue Teil kam aus den Massenspektrometern. Im Medizinischen Labor Bremen, einem zertifizierten deutschen Referenzlabor für Umweltgifte, zeigte sich bei 14 Patienten ein Rückgang von bis zu 25 Prozent der Werte für Perfluoroctansäure, Perfluoroctansulfonsäure, Perfluornonansäure und Perfluorhexansulfonsäure (P ≤ 0,05 bis P ≤ 0,001). Ein unabhängiges Labor, Creative Biostructure, untersuchte vier Personen nach einer einzigen Sitzung und fand noch steilere mittlere Rückgänge: 48,9 Prozent bei Perfluoroctansulfonsäure, 43,5 Prozent bei Perfluoroctansäure, 55,0 Prozent bei Perfluornonansäure, 75,8 Prozent bei Perfluordodecansäure und 47,1 Prozent bei Perfluordecansäure. Die Verbindungen waren zudem im Eluat nachweisbar, also jener Fraktion, die von der Maschine abgeschieden und verworfen wird.
„Wir haben nicht danach gesucht“, sagt Prof. Stefan R. Bornstein, Erst- und korrespondierender Autor sowie Direktor der Klinik für Innere Medizin III am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden. „Wir setzen diese Systeme seit Jahren ein, um die Lipoproteine von Patienten zu senken, für die es keine andere Möglichkeit gab. Als wir uns schließlich die Frage stellten, was sonst noch den Kreislauf verlässt, fanden zwei unabhängige Labore dieselben Verbindungen: Sie fallen im Plasma und tauchen im Eluat auf. Das heißt, die Maschine hat sie gefangen. Das heißt jedoch nicht, dass der Körper sie los ist.“
Der Kunststoff ist schwerer zu zählen
Hier wird die Datenlage dünn, und die Autoren sagen das auch offen. Die Pyrolyse-Gaschromatographie mit Massenspektrometrie am Blut von vier Patienten zeigte einen Rückgang von Polyethylen bei allen vieren und von Polyvinylchlorid bei drei. Polypropylen ging bei einem Patienten zurück, stieg bei zweien an und war beim vierten nicht nachweisbar. Polystyrol stieg bei einem Patienten, während Polyamid 66 fiel. Dies ist kein sauberes Ergebnis und es wäre nicht hilfreich, es als solches zu präsentieren.
Bei zwei Personen, die mit einer Doppelfiltrations-Plasmapherese in Kombination mit dem selektiven Nukleinsäureadsorptionsgerät NucleoCapture behandelt wurden, zeigte sich etwas Auffälligeres. Bei einer Person wurde sämtliches nachweisbares Polystyrol und Polypropylen entfernt. Bei der anderen wurden Polyethylen, Polypropylen und Polyethylenterephthalat entfernt. Keine weitere Kunststoffart blieb bei einem der beiden nachweisbar. Bei einer Stichprobengröße von zwei nennen die Autoren dies einen Hinweis und bieten eine prüfbare Erklärung an. Ein Teil des zirkulierenden Kunststoffs könnte an extrazelluläres Chromatin oder an Vesikel gebunden sein und sich daher neben der Filtration auch durch Adsorption entfernen lassen.
Ein dritter Ansatz, die Nilrot-Färbung mit Durchflusszytometrie, wurde am Germans Trias i Pujol Research Institute durchgeführt und ergab bei vier Patient:innen eine durchschnittliche Verringerung der Nanopartikelzahl um etwa 70 Prozent. Diese Zahl ist zwar bemerkenswert, muss jedoch mit großer Vorsicht interpretiert werden. Bei dieser Kohortengröße wurde keine Signifikanz erreicht und es wird nicht bestätigt, dass es sich um Kunststoff handelt, da Nilrot hydrophobe Substanzen ganz allgemein färbt.
Kunststoff im menschlichen Gewebe
Die Messungen im Kreislauf sind nur die eine Hälfte. Mithilfe der Raman-Spektroskopie konnte das Team Polystyrolpartikel im Gewebe der menschlichen Augenlidhaut nachweisen und ihre räumliche Verteilung sichtbar machen. Damit ist bestätigt, dass sich diese Materialien nicht nur durch die Blutbahn bewegen, sondern sich auch in gewöhnlichem menschlichem Gewebe befinden, wo sie aufgefunden und identifiziert werden können. Diese Fähigkeit könnte am Ende wichtiger sein als alle Zahlen in dieser Arbeit, denn sie macht die Gewebelast messbar.
Ein zweites Experiment untersuchte, ob diese Belastung Schäden anrichtet. Menschliche Nebennierenzellen der Linie NCI-H295R, die 30 Nanometer großen Polystyrolkügelchen ausgesetzt wurden, zeigten einen Trend zum Zelltod, gemessen an der Freisetzung von Laktatdehydrogenase. Vor der Apherese entnommenes Serum änderte daran nichts. Nach der Apherese entnommenes Serum zeigte einen abnehmenden Trend dieses Signals. Drei Replikate. Ein Trend, kein Beweis.
Was die Autoren nicht behaupten
Der Abschnitt zu den Limitationen ist ungewöhnlich freimütig und sollte von Journalisten gelesen werden. Die Stichprobengrößen sind klein. Indikationen und Apheresesysteme waren heterogen. Die Kunststoffanalytik ist explorativ, dem Feld fehlen validierte, standardisierte Methoden und eine Kontamination während der Probennahme ist eine reale Gefahr, wenn der Analyt Kunststoff heißt und die Welt voll davon ist. Es gibt keine randomisierte, kontrollierte Studie und keine Langzeitdaten zum Verlauf. Da die Patienten über die Datensätze hinweg nicht durchgängig einander zugeordnet waren, können die Autoren keinen gemeinsamen Clearance-Mechanismus behaupten.
Der wichtigste Vorbehalt betrifft die Zeit. Alles hier Gemessene spiegelt die akute Veränderung unmittelbar nach dem Eingriff wider, und zwar an dem, was zirkuliert. Ob wiederholte Sitzungen das Gleichgewicht verschieben können und was mit der Gesamtkörperlast geschieht, bleibt unbekannt. Ein anfänglicher Abfall könnte teilweise durch Mobilisierung aus Gewebedepots ausgeglichen werden.
Zur Sicherheit ist die Aktenlage beruhigend, wenn auch nicht vollständig. In erfahrenen Zentren gilt die therapeutische Apherese als sicher und gut verträglich. Unerwünschte Ereignisse sind in der Regel mild und vorübergehend, wie beispielsweise Hypotonie, Schwindel, Müdigkeit, Übelkeit und citratbedingte Beschwerden infolge der durch Antikoagulation ausgelösten Hypokalzämie. Allergische Reaktionen treten vor allem dort auf, wo Spenderplasma als Ersatzflüssigkeit verwendet wird. Darauf wird bei den hier untersuchten Systemen vollständig verzichtet.
Warum es sinnvoll ist, das Transportmittel zu entfernen
Diese Unterscheidung ist von Bedeutung. Beim konventionellen Plasmaaustausch wird das entfernte Plasma durch Spenderplasma oder Albumin ersetzt, die ihrerseits Umweltgifte mitführen können. Bei der Doppelfiltration und Adsorption werden die Zielsubstanzen dagegen direkt entfernt, ohne dass Ersatzflüssigkeit oder eine zweite Exposition erforderlich sind. Wer eine toxische Last senken will, hat mit dem Verfahren, bei dem der Patient nicht wieder aufgefüllt wird, einen strukturellen Vorteil.
„Jahrelang haben wir das Lipoprotein als die Krankheit behandelt“, sagt Dr. Charlotte Steenblock, Seniorautorin und Forscherin an der Klinik für Innere Medizin III am Universitätsklinikum Dresden. „Wenn sich herausstellt, dass es zugleich ein Transportmittel ist, verschiebt sich die Frage von der Nachweisbarkeit der Schadstoffe im Menschen hin zur Frage, was geschieht, wenn wir einen Teil davon entfernen.“
Auf politischer Ebene ist die Dringlichkeit erkannt. Die Advanced Research Projects Agency for Health im Gesundheitsministerium der Vereinigten Staaten hat mit STOMP ein Programm mit einem Volumen von 144 Millionen Dollar aufgelegt. Es soll einen Werkzeugkasten für das Messen und das bezahlbare Entfernen von Mikro- und Nanoplastik aus dem Körper entwickeln.
„Ich möchte deutlich sagen, was wir nicht gezeigt haben", sagte Bornstein. „Es gibt hier keine randomisierte kontrollierte Studie. Wir haben nicht nachgewiesen, dass die Apherese Kunststoff entfernt, der bereits im Gewebe gebunden ist, und ob sie diese Ablagerungen überhaupt erreichen kann, womöglich über Exosomen oder andere Flussmechanismen, ist die entscheidende Frage, die vor uns liegt. Unser nächster Schritt ist, große Versuchstiere Mikro- und Nanoplastik auszusetzen, das mit Radiotracern oder Eisen markiert ist, sie mittels PET und MRT bildgebend zu erfassen und nach der Apherese erneut nachzusehen. Nichts davon ersetzt die erste Priorität – die Vermeidung der Exposition. Hinterher aufzuräumen ist der schwierigere und teurere Weg, das Problem zu lösen. Und dies ist keine Krankheit der Armut. Einige der höchsten Werte tragen jene, die sich den teuren Fisch leisten können."
Was die Dresdner Gruppe vorgelegt hat, ist ein erster Blick durch eine beschlagene Taucherbrille, gerade so weit freigewischt, dass zu erkennen ist: Da unten ist etwas, dem es sich zu nähern lohnt.
Der im Peer-Review-Verfahren begutachtete Forschungsartikel in Brain Health mit dem Titel „Therapeutic apheresis: A possible effective strategy for a combined targeting of circulating lipids, inflammatory markers, PFAS, and microplastics in cardiometabolic and neurodegenerative disease?" ist ab dem 4. August 2026 im Open Access frei zugänglich.
Quelle: Diese Pressemitteilung erschien am 4. August in Genomic Press.
Zur Publikation: DOI 10.61373/bh026a.0024