24.08.2026
Internationale Forschungspartnerschaft in der Radioonkologie: Humboldt‑Postdoc‑Stipendiatin verstärkt OncoRay
Dr. Anna Bdzhola (l.) und Prof. Anna Dubrovska (r.).
Seit Juli forscht Dr. Anna Bdzhola von der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine am OncoRay in Dresden. Gastgeberin ihres Forschungsaufenthalts im Rahmen eines Humboldt-Forschungsstipendiums für Postdocs ist Prof. Anna Dubrovska, deren Arbeitsgruppe translationale Fragestellungen der Radioonkologie untersucht. In einem Gespräch erzählen die Wissenschaftlerinnen über ihre Zusammenarbeit und die gemeinsamen Forschungsziele.
Prof. Dubrovska, was hat Sie motiviert, eine Humboldt‑Stipendiatin in Ihrer Abteilung aufzunehmen? Was macht dieses Programm aus Ihrer Sicht wertvoll?
Der wissenschaftliche Fokus unserer Gruppe am OncoRay liegt auf der Entwicklung von Gewebe- und Flüssigbiopsie-Biomarkern, die in der personalisierten Strahlentherapie klinisch relevant sind. Als Scout der Alexander von Humboldt-Stiftung habe ich die Möglichkeit, herausragende wissenschaftliche Talente aus aller Welt an das OncoRay zu holen. Die Ausbildung und Betreuung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit außergewöhnlichem Potenzial ist entscheidend, um den kontinuierlichen Fortschritt im Bereich der translationalen Radioonkologie voranzutreiben und die nächste Generation internationaler Spitzenkräfte in diesem Feld auszubilden.
Wie würden Sie die bisherige Zusammenarbeit im Rahmen dieses Forschungsaufenthalts beschreiben? Gibt es bestimmte Projekte oder Themen, die Sie gemeinsam weiterverfolgen möchten?
Die Humboldt-Stipendiatin Dr. Anna Bdzhola arbeitet in Kyjiw, Ukraine. Seit Beginn der russischen Invasion im Jahr 2022 haben sich die Bedingungen für wissenschaftliche Forschung in der Ukraine stark verschlechtert. Der Krieg hat die Forschungskapazitäten insbesondere in den Naturwissenschaften erheblich reduziert. Es kam zu deutlichen Rückgängen bei Publikationen und internationalen Kooperationen. Mehr als ein Drittel der Einrichtungen, die grundlegende wissenschaftliche Forschung betreiben, wurde durch russische Angriffe zerstört oder beschädigt, viele Forschende wurden vertrieben.
Trotz dieser massiven Zerstörung hat Dr. Bdzhola eine bemerkenswerte Resilienz und Produktivität gezeigt. Seit 2022 veröffentlichte sie mehrere hochwertige Manuskripte, die in internationalen wissenschaftlichen Datenbanken indexiert sind. Ich wurde auf ihre wissenschaftliche Arbeit aufmerksam, als ich als Gutachterin für die National Research Foundation of Ukraine tätig war. Die Qualität ihrer Forschung und die Relevanz des Themas für unser Fachgebiet haben mich beeindruckt, sodass ich ihr eine Zusammenarbeit angeboten habe.
Das Projekt, das Dr. Bdzhola am OncoRay durchführen wird, ist hochinnovativ und klinisch relevant. Erstmals soll die Rolle der CoAlation, des neu entdeckten posttranslationalen Regulationsmechanismus, bei der Entwicklung von Therapieresistenzen in Tumorzellen gegenüber konventionellen Behandlungen wie der Strahlentherapie untersucht werden. Die Ergebnisse dieser Studie könnten zur Entwicklung robuster Biomarker für die Radioonkologie beitragen und neue therapeutische Strategien ermöglichen, um die Wirksamkeit der Strahlentherapie zu verbessern, insbesondere bei aggressiven Prostata-, Brust- und Kopf-Hals-Tumoren, die mit einer schlechten Prognose verbunden sind.
Dr. Bdzhola, könnten Sie uns etwas über Ihren wissenschaftlichen Hintergrund und den Schwerpunkt Ihrer Forschung während des Humboldt‑Fellowships erzählen?
Mein Weg in die Biologie begann eher zufällig. Nach dem Schulabschluss war ich hin- und hergerissen zwischen Mathematik und Philologie. Meine Mutter „überredete“ mich schließlich, dass Biologie die goldene Mitte sei. Sie selbst hatte Biologie immer geliebt. Heute bin ich sehr dankbar für diese Entscheidung. Im zweiten Studienjahr begann ich meine Forschungskarriere am Institut für Molekularbiologie und Genetik der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine in Kyjiw und verliebte mich sofort in die Arbeit. Nach den typischen Höhen und Tiefen einer Promotion habe ich meine Dissertation im Jahr 2024 erfolgreich verteidigt.
Das Thema, mit dem ich mich befasse – Protein-CoAlation, eine CoA-abhängige Redox-posttranslationale Modifikation – ist sehr neu und daher für eine junge Wissenschaftlerin unglaublich spannend. Man kann nahezu jede Richtung einschlagen: von Onkologie über Neurodegeneration bis hin zu Katarakten. Ein großer Vorteil ist zudem, dass ich mit den brillanten ukrainischen Forschenden zusammenarbeiten kann, die dieses Phänomen entdeckt haben, Prof. Valeriy Filonenko und Dr. Oksana Malanchuk. Während meines Humboldt-Fellowships möchte ich mich untersuchen, wie Protein-CoAlation und der CoA-Stoffwechsel das Verhalten von Tumoren regulieren, insbesondere als Reaktion auf Strahlung und oxidativen Stress. Mich interessiert, wie diese Mechanismen die Radiosensitivität, die Toleranz gegenüber oxidativem Stress und die Anpassung von Tumoren beeinflussen. Durch die Verbindung meines vorhandenen Wissens mit der radioonkologischen Expertise am OncoRay erhoffe ich mir, neue CoA-abhängige Signalwege aufzudecken und potenzielle Biomarker oder therapeutische Zielstrukturen zu identifizieren.
Was hat Sie dazu bewogen, Dresden und diese Forschungsgruppe für Ihr Fellowship auszuwählen? Was haben Sie bisher erlebt?
Als junge Postdoktorandin habe ich viele Möglichkeiten, meine Projektideen außerhalb des Labors zu präsentieren und an verschiedenen Projekten mitzuwirken. Von OncoRay und Prof. Anna Dubrovska hatte ich bereits gehört. Als sie mir die Humboldt-Position anbot und Interesse an meiner Arbeit zeigte, war ich begeistert. Ich bin nun seit eineinhalb Monaten hier und muss sagen, dass ich seit Langem nicht mehr so motiviert war. Der Austausch mit ihrem Team eröffnet mir neue Perspektiven auf mein eigenes Projekt. Ich habe viel mehr Ideen und deutlich mehr Antrieb. Der Zugang zu einzigartigen Einrichtungen und Ressourcen ermöglicht es mir, meine Forschung in einem Tempo voranzubringen, das ich eines Tages auch in der Ukraine erreichen möchte.
Dennoch ist es für mich wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer schwierig, langfristig im Ausland zu bleiben, da wir unsere Liebsten unter ständiger Bedrohung zurücklassen. und es ist schwer zu sehen, dass viele Menschen nicht vollständig begreifen, was in der Ukraine geschieht und welche Opfer Ukrainerinnen und Ukrainer bringen, um Europa sicher zu halten. Das wiegt zusätzlich schwer. Ich habe großes Glück, Teil der Gruppe von Anna Dubrovska zu sein. Sie und ihr Team, zu dem brillante ukrainische Forschende wie Vasyl Lukianchuk und Ielizaveta Gorodetska gehören, haben eine sehr unterstützende Umgebung geschaffen, zu der ich gerne immer wieder zurückzukehren würde.
Was planen Sie nach dem Abschluss Ihres Fellowships?
Seit der russischen Vollinvasion im Jahr 2022 ist es für mich besonders wichtig geworden, die ukrainische Wissenschaft zu stärken und Möglichkeiten zu schaffen, damit ukrainische Forschende ihr Potenzial voll ausschöpfen können. Deshalb engagiere ich mich aktiv in verschiedenen Förderprogrammen, um Finanzierung, internationale Sichtbarkeit und Erfahrung in die Ukraine zurückzubringen. Die Zusammenarbeit mit dem Labor von Anna Dubrovska hat es uns ermöglicht, gemeinsame Forschungsinteressen, insbesondere in den Bereichen CoA-Stoffwechsel, CoA-vermittelte posttranslationale Modifikationen und Radioonkologie, zu identifizieren, die wir künftig weiter vertiefen möchten. Ich bin überzeugt, dass wir durch die Verbindung der Expertise und der hervorragenden Fachkräfte beider Labore einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Wissenschaft und letztlich der Medizin leisten können.
Hintergrund
Das Humboldt‑Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt‑Stiftung unterstützt überdurchschnittlich qualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Nationen und Fachgebieten bei der Durchführung eigener Forschungsvorhaben in Deutschland. Das Programm ist Teil des 1.000‑Köpfe‑Plus‑Programms des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt und bietet Postdocs ebenso wie erfahrenen Forschenden umfangreiche Förderleistungen sowie eine individuelle Betreuung durch die Stiftung. Für Postdocs umfasst das Stipendium eine monatliche Förderung von 3.000 Euro zuzüglich Nebenleistungen; die Förderdauer liegt zwischen sechs und 24 Monaten und kann auf bis zu drei Aufenthalte innerhalb von drei Jahren verteilt werden. Über die Vergabe entscheidet ein aus 60 bis 70 Fachgutachterinnen und Fachgutachtern bestehendes Auswahlgremium im Rahmen eines wissenschaftlichen Peer‑Review‑Verfahrens.