01.10.2026
Fachkompetenz verbindet, menschliche Beziehungen entscheiden
Die Alumna des Monats Oktober 2026 kommt aus der Physik.
(interviewt im Jahr 2026)
Thomas Scheufler
„Die TU Dresden hat mir nicht nur wissenschaftliches Fachwissen vermittelt, sondern auch die Fähigkeit, über Fachgrenzen hinweg zu denken und Menschen zusammenzubringen. Genau davon profitiere ich bis heute in meiner Arbeit an der Schnittstelle von Wissenschaft und Industrie.“
Dr. Julia Lyubina hat an der TU Dresden in Physik promoviert und ist heute als Head of Academic Partnerships bei Evonik, einem weltweit führenden Unternehmen der Spezialchemie, tätig. Sie kreiert Kooperationen zwischen Wissenschaft und Industrie, initiiert interdisziplinäre Partnerschaften und Innovationsprojekte an der Schnittstelle von Forschung und Anwendung – und schätzt dabei immer wieder Ihre vielseitige Ausbildung an der TU Dresden.
| Profil von | Dr. Julia Lyubina |
| Studiengang | Promotion in Physik |
| Fakultät | Mathematik und Naturwissenschaften |
| Studienzeit | 2002 bis 2006 |
| Aktuelle Tätigkeit |
Head of Academic Partnerships, Evonik GmbH |
Wo sind Sie heute beschäftigt und in welcher Verantwortung?
Ich arbeite bei Evonik, einem weltweit führenden Unternehmen der Spezialchemie. Nach meiner Promotion an der TU Dresden im Bereich der Permanentmagnetwerkstoffe war ich zunächst als Wissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden (IFW Dresden) tätig und forschte anschließend erfolgreich als Marie Curie Fellow am Imperial College London zu magnetokalorischen Materialien und elektrochemischen Prozessen. 2012 wechselte ich in die Industrie zu Evonik nach Hanau. Seitdem habe ich verschiedene Funktionen in den Bereichen Verfahrenstechnik, Strategie & New Growth Business sowie Forschung, Entwicklung und Innovation übernommen. Mein Schwerpunkt lag dabei auf der Entwicklung neuer Produkte und Geschäftsfelder. Als Head of Global New Business Development in der Business Line Silanes verantwortete ich unter anderem die Entwicklung und Markteinführung von Silizium-basierten Materialien für Anoden in Lithium-Ionen-Batterien.
Heute bin ich als Head of Academic Partnerships bei Evonik tätig. In dieser Funktion gestalte ich die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie und initiiere interdisziplinäre Partnerschaften und Innovationsprojekte an der Schnittstelle von Forschung und Anwendung. Darüber hinaus bin ich Gastprofessorin für „Sustainable Energy Storage and Conversion“ an der TU Darmstadt. Dort etabliere ich ein neues Forschungsfeld zu magnetischen Elektrokatalysatoren für die Wasserstoffproduktion. Außerdem engagiere ich mich in mehreren Industriebeiräten, die den Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft fördern.
Wovon profitieren Sie noch heute, wovon hätten Sie sich mehr gewünscht?
Von meiner Zeit an der TU Dresden profitiere ich bis heute in vielerlei Hinsicht. Besonders wertvoll war die Möglichkeit, Netzwerke aufzubauen, Kooperationen zu initiieren und mich in neue Themenfelder einzuarbeiten. Die Zeit während meiner Promotion war sowohl wissenschaftlich als auch persönlich prägend. Ich habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen, klar zu kommunizieren und Eigeninitiative zu zeigen. Besonders geschätzt habe ich die Freiräume zur wissenschaftlichen Entfaltung in einem sehr interdisziplinären Umfeld. Das Zusammenspiel von Experiment und Theorie, die Zusammenarbeit mit Menschen aus unterschiedlichsten Fachbereichen wie Physik, Chemie, Materialwissenschaften und Ingenieurwissenschaften war inspirierend, ebenso Kollaborationen mit Forschungsgruppen und Industrie aus ganzer Welt. Heute arbeite ich in der Chemieindustrie und stelle immer wieder fest, wie wichtig genau diese Erfahrung ist: Menschen aus unterschiedlichen Fachrichtungen und mit verschiedenen kulturellen Hintergründen zusammenzubringen und eine gemeinsame Sprache zu finden. Das ist oft ein entscheidender Erfolgsfaktor. Was ich mir damals gewünscht hätte, ist ein stärkeres Bewusstsein für die Vielzahl beruflicher Möglichkeiten außerhalb der akademischen Laufbahn. Formate wie „Alumni des Monats“ leisten hierzu einen wichtigen Beitrag, indem sie unterschiedliche Karrierewege sichtbar machen.
Co-Chair und Organisatorin vom Wissenschaftsforum „Evonik meets Science“ in Heidelberg in 2026.
Warum haben Sie sich für ein Studium an der TU Dresden entschieden?
Während meines Masterstudiums habe ich auf einer Konferenz Karl-Hartmut Müller kennengelernt, der damals Abteilungsleiter am IFW Dresden war. Er lud mich als Gaststudentin nach Dresden ein. Schon nach kurzer Zeit war ich begeistert von der wissenschaftlichen Umgebung und der Stadt selbst. Über Karl-Hartmut Müller und den damaligen Direktor des IFW Dresden, Ludwig Schultz, der zugleich Professor an der TU Dresden war, erhielt ich schließlich das Angebot für eine Promotionsstelle. Diese Möglichkeit habe ich sehr gerne angenommen.
Wieso haben Sie gerade diese Studienrichtung gewählt?
Bereits vor meinem Wechsel nach Dresden hatte ich einen Masterabschluss in Physik von der National University of Science and Technology MISIS in Moskau. Besonders fasziniert haben mich die Metallphysik und der Magnetismus. Die Forschungsgruppe in Dresden arbeitete genau an diesen Themen, sodass mir die Entscheidung für dieses Fachgebiet sehr leicht fiel. Dass dies die richtige Wahl war, hat sich auch später bestätigt: für meine Doktorarbeit wurde ich mit dem Georg-Helm-Preis, der jährlich drei herausragende wissenschaftliche Arbeiten von Studierenden der TU Dresden würdigt, ausgezeichnet.
Wer aus Forschung und Lehre hat Sie in Ihrer Studienzeit am meisten geprägt?
Diese Frage ist für mich besonders schwer zu beantworten, weil es nicht die eine Person gibt. Während meiner Zeit in Dresden hatte ich das große Glück, mit vielen außergewöhnlichen Menschen zusammenzuarbeiten, die mich fachlich und persönlich geprägt haben. Dafür bin ich bis heute sehr dankbar. Einige von ihnen sind leider nicht mehr unter uns, aber ihre Ideen, ihre Haltung zur Wissenschaft und ihre Menschlichkeit begleiten mich bis heute. Besonders geprägt haben mich Karl-Hartmut Müller, Ludwig Schultz, Oliver Gutfleisch und Dietrich Hinz. Von ihnen habe ich nicht nur wissenschaftlich viel gelernt, sondern auch, wie wichtig Neugier, wissenschaftliche Integrität, Teamarbeit und verantwortungsvolle Führung sind. Ebenso prägend war die Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen sowie meinen Mitdoktorandinnen und Mitdoktoranden. Die Liste der Menschen, denen ich etwas verdanke, ist eigentlich viel länger. Jede Begegnung hat Spuren hinterlassen und einen Beitrag zu meinem beruflichen und persönlichen Weg geleistet. Eine weitere wichtige Erfahrung aus dieser Zeit war für mich, dass fachlicher Austausch unabhängig von Hierarchien stattfindet. Ich habe gelernt, mit Menschen auf allen Ebenen offen und respektvoll zu kommunizieren. Diese Lehre ist für meinen beruflichen Alltag bis heute relevant: Vom Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen im Labor bis hin zum Austausch mit dem Vorstand.
Auf der Global Evonik RD&I Leadership Conference mit Kollegen.
Was würden Sie den heutigen Studienanfängerinnen und -anfängern mit auf den Weg geben?
Durch meine heutige Tätigkeit habe ich viel Kontakt zu Studierenden und Promovierenden. Dabei versuche ich, ihnen die große Vielfalt möglicher Karrierewege aufzuzeigen. Neben der akademischen Laufbahn gibt es spannende Möglichkeiten in der Industrie, in Start-ups, in Beratungen oder in großen Konzernen. Viele Menschen unterschätzen, wie unterschiedlich die Rollen sein können, die man im Laufe einer Karriere einnehmen kann. Ich selbst bin Physikerin und arbeite heute in einem Chemieunternehmen. Außerdem gebe ich Studierenden gerne mit auf den Weg, dass die meisten von ihnen später vermutlich nicht genau das tun werden, was sie ursprünglich studiert haben. Entscheidend sind die Fähigkeiten, die man an der Universität erwirbt: Kommunikations- und Teamfähigkeit, die Fähigkeit, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten, und vor allem kritisches Denken. Gerade im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz werden diese Kompetenzen immer wichtiger. Die Universität ist der beste Ort, um sie zu entwickeln und zu trainieren.
Woran erinnern Sie sich besonders gern in Ihrer Studienzeit?
Besonders gern denke ich an die Doktorandenseminare zurück. Dabei fuhren wir für mehrere Tage gemeinsam weg. Tagsüber präsentierten wir unsere Forschungsergebnisse und diskutierten intensiv wissenschaftliche Fragestellungen. Mindestens genauso wertvoll waren aber die langen Abende, an denen die Gespräche oft über die Wissenschaft hinausgingen. Rückblickend war das auch eine hervorragende Vorbereitung auf das Berufsleben. Fachliche Kompetenz ist wichtig, aber erfolgreiche Zusammenarbeit entsteht durch Beziehungen zwischen Menschen. Wissenschaftliche Konferenzen, Netzwerktreffen und informelle Gespräche spielen dabei eine große Rolle. Diese Erfahrung habe ich bereits während meiner Promotionszeit gemacht.
Wo war Ihr Lieblingsort an der Uni?
Ganz klar die Alte Mensa. Inzwischen habe ich während meiner beruflichen Laufbahn Dutzende Mensen in verschiedenen Ländern besucht. Für mich bleibt die Alte Mensa in Dresden bis heute die beste.
Wie gelingt ein guter Berufseinstieg in Ihrer Branche?
Neugier und Lernbereitschaft sind entscheidend. Man sollte offen für Veränderungen sein und Freude daran haben, sich immer wieder in neue Themen einzuarbeiten. Die Zeiten, in denen man sein gesamtes Berufsleben denselben Job ausübt, sind weitgehend vorbei. Wer flexibel bleibt und Veränderungen als Chance versteht, hat hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten.
Was verbindet Sie heute mit der TU Dresden?
In meiner aktuellen Rolle als Head of Academic Partnerships bin ich der TU Dresden wieder verbunden. Gemeinsam arbeiten wir daran, Kooperationen zwischen Wissenschaft und Industrie aufzubauen und weiterzuentwickeln. Deshalb freue ich mich sehr, heute auf einer anderen Ebene wieder mit der TU Dresden zusammenzuarbeiten.
Kontakt:
Dr. Julia Lyubina